Sarah

Ich bin Sarah. Die Idee den Verein zu gründen ergab sich eigentlich spontan. Ich hatte bereits als Kind eine enge Bindung zu Tieren, habe Spinnen mit mir rumgetragen und meiner Mutter gezeigt (die mir dann erklärt hat, dass ich die Spinnenfamilie trenne, wenn ich die Spinne herumtrage). Das leuchtete mir ein und so habe ich damit aufgehört. Als Kind hatte ich ein Meerschweinchen namens Peppino. Leider war damals noch nicht so bekannt, dass Meerschweinchen nicht allein leben sollen. Dann bekam ich meinen Kater Samson. Peppino zog zu meinen Großeltern. Samson begleitete mein frühes Leben. Ich bekam ihn mit vier und er starb als ich 20 war. Das war mein erster Todesfall eines „nahen Angehörigen“. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Ich hatte dann keine Katze mehr, denn ich war gegen Katzen allergisch. Aber trotz aller Atemnot durch das allergische Asthma hätte ich Samson niemals weggegeben. Ein Tier gibt man nicht einfach weg. Danach hatte ich drei Ratten – Erni, Bert und Tiffy. Die waren süß und lustig! Leider leben Ratten nicht lange. Alle drei starben wegen irgendwelcher angezüchteter Tumore – dann Haustier-Ratten stammen von Labor-Ratten ab. Und die müssen oft für die Tumorforschung herhalten. Schlimm. Danach hatte ich vier Frettchen. Paul, Shary, Eddy und Lucy. Die waren auch tolle Begleiter für einen gewissen Abschnitt meines Lebens. Auf den Hund gekommen bin ich erst mit 36. Da kam ich zu meinem Seelenhund Lilly. Und sie ist die Verkörperung von: „Man bekommt nicht den Hund, den man sich wünscht, sondern den, den man braucht!“ (eigentlich wollte ich gar keinen). Aber wegen ihr habe ich mein Leben aufgeräumt.

Im Alter von 13 Jahren meldete mich meine Mutter in einem Reitverein im noch geteilten West-Berlin an. Meine Mutter war alleinerziehend und hat sich meinen Herzenswunsch jeden Monat vom Mund abgespart. Damals waren das für Schulpferde keine schönen Bedingungen. Ständerhaltung, keine Wiese, kein Freilauf. Die Reitlehrerinnen wechselten. Einige mochte ich (die, die nett zu den Pferden waren), andere mochte ich nicht (die, die die Pferde mit der Gerte verdroschen, damit sich sich fügten). Ich habe die buckelnden Pferde bevorzugt, oder die hochsensiblen. Ich wollte die Pferde nie gern zu irgendetwas zwingen. Ich wollte keine Reitabzeichen machen oder auf Turniere gehen. Ich bin mit den Pferden heimlich ein bisschen Gras knabbern gegangen. Das bisschen, das irgendwo auf dem Gelände zu finden war. Kurz bevor ich 16 wurde, wollte ich das alles nicht mehr. Mir taten die Pferde zusehends mehr leid. So verließ ich den Reitverein und kehrte den Pferden den Rücken. Dies fiel in den Zeitraum (Anfang der 90er Jahre) als ich einen Fernsehbeitrag von Manfred Karremann sah, der mich zutiefst bestürzte. Es ging um Massentierhaltung und Tiertransporte. Ich weinte. Davon hatte ich noch nie etwas gehört oder gesehen. Ich war zwar nie eine große Fleischesserin – eigentlich war ich überhaupt keine gute Esserin, aber danach strich ich Fleisch komplett von meinem Speiseplan. Es gab einen Projekttag in der Schule. Meine Aktion (mit der ich so ziemlich allein auf weiter Flur da stand) war es Flyer vom Verein gegen Tierquälerische Massentierhaltung zu verteilen. Meine Mutter unterstützte mich dabei. In Erinnerung blieb mir am deutlichsten eine Frau, die eine Bratwurst in einem Brötchen in der Hand hatte. Ihr streckte ich einen Flyer entgegen. Sie sah mich entsetzt an und sagte: „Geh mir bloß weg damit. Das kann ich gar nicht sehen. Schlimm.“ Dann biss sie in ihre Bratwurst, drehte sich um und ging. Den Flyer noch in der Hand ließ ich meinen Arm sinken und empfand ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts dieser Reaktion. Im Laufe der Jahre musste ich feststellen, dass die meisten Menschen genau das tagtäglich tun. Augen zu und schmecken lassen. Sie essen ihr Discounter-Fleisch, weil im Namen das Wort „Gut“ vorkommt, weil der Aufdruck eine Wiese mit einem Rind, einem Schwein, einem Huhn zeigt. Sie beziehen das Tierleid nicht auf sich. Sie setzen sich im Urlaub auf klapperdürre Pferde und Esel, die in der glühenden Hitze den ganzen Tag lang zumeist übergewichtige Touristen hin- und hertragen. Es wird eine fünfköpfige Familie auf ein einziges Kamel gesetzt. Es werden Delfine gestreichelt, die in kleinen Becken gehalten werden. Die meisten Menschen hinterfragen das nicht. Augen zu und das Leben genießen.

Seit 2013 bin ich vegan. Am meisten vermisse ich immer noch Käse. Aber da muss ich durch. Ich weiß, dass ich nicht die Welt retten kann. Aber ich kann meinen Teil zu einer besseren Welt beitragen. Ich wünschte mir, dass das alle Menschen täten. Aber leider entspricht das nicht der Natur des Menschen. Der Mensch ist bequem und gewohnheitsliebend.

Ich freue mich über jeden, der einen kleinen Denkanstoß annimmt und ein wenig über alles nachdenkt. Und so freue ich mich über jedes Stück Fleisch, auf das verzichtet wird. Über jeden einzelnen Euro, der dem Tierschutz zugute kommt. Tiere sind uns Menschen ausgeliefert. Sie sind von uns abhängig. Sie sind Nahrungsmittel, Sportgeräte, Kinderspielzeuge, Partnerersatz usw. Wenn sie nicht als solches taugen, dann werden sie abgegeben, geschlachtet, eingeschläfert, getauscht. Sie werden eventuell sogar vergessen. Wie viele Kleintiere in Deutschland sterben, weil vergessen wird, dass das Wasser nachgefüllt werden muss. Welpen werden produziert, um Geld zu verdienen. Tiere werden in Tierheimen abgegeben, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Wenn der nächste Urlaub ansteht, wenn der neue Partner oder die neue Partnerin das Tier nicht mag. Sie werden ausgesetzt oder im Internet an den nächst besten weiterverschachert. Für das Tier bricht seine Welt zusammen. Ein Tier versteht das nicht. Tiere werden von den Eltern, den Geschwistern oder Freunden getrennt. Ganz selbstverständlich. Da wird keine Rücksicht drauf genommen. Pferde wechseln so oft den Stall aus diversen Gründen. Da interessiert niemanden, ob sich Pferdefreundschaften gebildetet haben. Unsere beiden Traber sind genau das: unzertrennlich. Wir wollten sie vermitteln. Aber das ist einzeln schon schwierig. Im Doppelpack? Praktisch unmöglich. Deswegen dürfen sie bleiben. So ist sichergestellt, dass sie nicht getrennt werden. Damit ist die Pferde-Kapazität des Vereins auch schon erschöpft. Aber besser eine kleine gute Tat als gar keine.  

 

 

To be continued…